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Aus der Feder der Autorin · Mara

Eine Jugendfreundin erinnert sich


Oktober 2026

Auszug aus dem Garten der Kindheit

Es ist Oktober 1973, in den Herbstferien. Wir sitzen am langen Tisch in der Küche der Grosseltern. Die Tür zum Gemüsegarten ist weit offen, und helle Morgensonne scheint hinein. Die Grossmutter schneidet grosszügige Scheiben von einem Laib Schwarzbrot, bestreicht sie mit Butter und selbstgemachter Konfitüre, von den Aprikosen aus dem Garten. Darauf habe ich mich schon gestern gefreut, auf der langen Fahrt aus der Ostschweiz ins Wallis. Der Geschmack ist noch intensiver, als ich ihn in Erinnerung hatte, süss und warm im Mund. Dazu gibt es Milchkaffee aus grossen Steinguttassen.

Der Grossvater ist zuerst fertig. Er schiebt den Teller von sich und sagt, er gehe in den Garten.

«Darf ich mit?», frage ich, stecke das letzte Stück Konfitürenbrot in den Mund und lecke mir die Finger ab. Mein Vater nickt und sagt: «Ja, ist recht, geh nur.»

Ich springe auf und laufe in den Garten. Auf diesen Moment habe ich wochenlang gewartet. Wortlos drückt der Grossvater mir eine Hacke in die Hand. Schliesslich weiss ich, was es zu tun gibt. Wir kommen jedes Jahr in den Herbstferien hierher, und wie immer gilt es die abgeernteten Gemüsebeete gründlich von allem Unkraut zu befreien, bevor der Grossvater sie mit Mulch bedeckt. Neu ist nur, dass ich ihm diesmal freiwillig dabei helfe. Falls er erstaunt ist, lässt er es sich jedenfalls nicht anmerken. Vielleicht denkt er, dass ich reifer geworden bin. Was ja auch stimmt.

Vorsichtig lockere ich mit der Hacke den Boden um eine Löwenzahnrosette. Ich muss die Erde rundum abgraben, um die ganze Pfahlwurzel auf einmal aus dem Boden zu ziehen, wie der Grossvater es mir gezeigt hat. Dabei überlege ich mir, wie ich das Gespräch beginnen soll. Ich wünsche mir so sehr, dass er mir zuhört, mich versteht, mir Hoffnung macht. Wer, wenn nicht er. Meinen Eltern muss ich nicht mit politischen Themen kommen, das weiss ich. Da stosse ich auf taube Ohren, frostiges Schweigen oder die Empfehlung, ich solle mich auf meine Hausaufgaben konzentrieren. In der Schweiz leben wir in einer Demokratie, sagt der Vater. Wenn die Menschen an anderen Orten auf der Welt das mit der Demokratie noch nicht begriffen haben, dann müssen sie es eben lernen. Nicht unser Problem, Gott sei Dank.

Mein Grossvater sieht die Welt anders, da bin ich mir sicher. Er spricht nur selten davon, aber er hat viel erlebt. Als Deutschland am 1. September 1939 Polen überfiel, wohnte er in Warschau. Er konnte sich nur mit knapper Not in die Schweizer Gesandtschaft retten. Mit einem Transport des Roten Kreuzes kam er später über Königsberg und Stettin in die Schweiz.

Er muss Angst, Schrecken und viele Strapazen ausgestanden haben, aber das hinderte ihn nicht daran, im folgenden Sommer von der Schweiz aus nach Finnland zu reisen. Dort arbeitete er als Techniker für den finnischen Rundfunk, Yleisradio. Er half mit, das Radionetz auszuweiten und zu verstärken. Mehr als ein halbes Jahr verbrachte er ganz im Norden Finnlands, im Gebiet der Sami. Auf der Rückreise mit dem Zug durch Deutschland holte ihn die Gestapo aus dem Zug.

«Was folgte, war die schrecklichste Nacht meines Lebens», erzählte er, als wir eines Abends nach dem Essen in der Stube sassen, der Grossvater, die Eltern und ich. «Sie setzten mich auf einen Metallstuhl in einem Keller und richteten ein grelles Licht direkt auf meine Augen. So konnte ich die Gesichter der Männer nicht sehen, die mich verhörten.»

«Das Kind ...», sagte meine Mutter und zeigte auf mich. «Ab ins Bett!», rief der Vater.

So bekam ich den Rest der Geschichte nicht mit. Als ich den Grossvater am nächsten Morgen danach fragte, sagte er nur, er habe Glück gehabt, man habe ihn freigelassen. Anderen sei es viel schlimmer ergangen.

Aber ich weiss seither, dass er erlebt hat, was es heisst, wenn auf einmal Militär durch die Strassen marschiert, wenn geschossen wird. Er weiss, wie sich Gewalt und Willkür anfühlen. Er wird verstehen, warum mich der Militärputsch in Chile dermassen erschüttert, dass ich deswegen nächtelang nicht schlafen kann.

So rede ich davon, wie ich im Radio von Chile hörte, von diesem Land, das unter Allende einen gewaltlosen Weg zum Sozialismus suche. Davon, wie dort Zehntausende von Kindern, die vorher keinen Zugang zu Bildung hatten, endlich zur Schule gehen konnten, wie sie jeden Tag ihren halben Liter Milch bekamen, wie in Elendsvierteln Tausende von vorfabrizierten Häusern aufgestellt wurden, wie es der bitterarmen Landbevölkerung endlich besser ging.

Der Grossvater hackt schweigend weiter, während ich davon rede, wie ich all die Monate gehofft und gebangt habe, wenn ich in den Nachrichten hörte, gegen wie viel Widerstand Allende und die Seinen kämpften. Wie ich mit der Bahn nach St. Gallen fuhr, wo in der Bibliothek andere Zeitungen auflagen als die «Appenzeller Zeitung», die meine Eltern abonniert hatten, und die meiner Meinung nach viel zu wenig und zu einseitig berichtete.

«Und dann ... der Militärputsch am 11. September …»

«Der war grausam, aber nötig», fällt Grossvater mir ins Wort. Ich lasse die Hacke fallen.

«Nötig?! Wie kannst du so etwas –»

«Das musst du doch begreifen. Es war höchste Zeit, das Land vor dem Sozialismus zu retten. Wenn Allende weitergemacht hätte, so wäre es ganz arg gekommen. Viel schlimmer als beim Militärputsch, das kann ich dir sagen. Ja, es gab Tote, es gibt Gefangene, es wird wohl auch gefoltert. Das sind Exzesse, aber bald vorbei. Dann kommt wieder Ruhe und Ordnung ins Land.»

Fassungslos starre ich meinen Grossvater an. Ich bringe kein Wort heraus. Wie betäubt wende ich mich von ihm ab, mache langsam ein paar Schritte, dann immer schneller, laufe davon, aus dem Garten hinaus, die Strasse hinunter zum Fluss, renne dem Ufer entlang, bis ich ausser Atem bin. Dann setze ich mich auf einen Felsblock und starre aufs Wasser.

Wie hatte ich auf das Gespräch mit Grossvater gewartet und gehofft. Doch nun bin ich so allein und verlassen wie noch nie.

«Jetzt bin ich kein Kind mehr», denke ich auf einmal. «Ich bin kein Kind mehr.»

* * *

Zwölf Jahre später bekam ich einen Brief meines Grossvaters. Ich war inzwischen verheiratet – mit einem Mann aus Chile – und hatte soeben mein erstes Kind zur Welt gebracht.

Grossvater gratulierte mir zu meinem kleinen Sohn. Nun, da ich selbst Mutter sei und ein Kind behüten müsse, fuhr er fort, könne ich vielleicht verstehen, warum er damals so reagiert habe. Er habe mich vor grosser Enttäuschung schützen wollen – und davor, dass ich einer Ideologie verfalle. Als junger Mann sei er überzeugter Kommunist gewesen. Stalins grausames Terrorregime habe ihn aber dazu gebracht, sich von sämtlichen sozialistischen Ideen und allen weiteren Ideologien abzuwenden.

Auch der Grossvater hatte den Tag nie vergessen, als ich aus dem Garten meiner Kindheit gelaufen war, dachte ich, während ich den Brief zusammenfaltete und zurück in den Umschlag steckte. Ich war nie so allein gewesen, wie ich gedacht hatte.

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© 2026 Mara Meier · Gastbeitrag auf silberdistel-blog.ch

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