Wo meine Quellen liegen
Zwischen Sommer 2025 und 2026 durfte ich mit und für Magdalena Möbius (die in Wirklichkeit anders heisst) ihre Biografie niederschreiben. Wir haben in vielen Sitzungen Erinnerungen wachgerüttelt, gelächelt und Tränen versiegen lassen. Dass ich im September 2026 die Orte besuchen und Fotos mit ins Altersheim bringen konnte, war für uns beide ein grosses Geschenk. Das hier ist der Versuch einer kurzen Zusammenfassung von einem langen Lebensweg in der DDR und der Schweiz.
Wenn ich, Magdalena Möbius, mit geschlossenen Augen auf mein mehr als achtzigjähriges Leben zurückblicke, sehe ich einen Lebensfluss voller Wehre und Stromschnellen. Immer wieder wurde ich in ein neues Gewässer gespült.
Alles begann bei Oma an der Spree, wo meine Mutter ihren Rock nicht heimlich noch weiter machen konnte und mein leiblicher Vater verschwand, bevor ich geboren wurde. Nach meiner Geburt fand Mutter Arbeit an der Havel; mich liess sie bei Oma zurück. Als Mutter und Arthur heirateten, war ich vier Jahre alt. Ab da wohnte ich mit diesen Eltern. Arthur war gut zu mir. Mir fehlten trotzdem die saftigen Spreewiesen und die stacheligen Felder, die rauen rotbraunen Mauern des Kirchhofs, auf denen ich mit meinen kleinen Freunden herumkletterte und die Kleidung zerriss. Und ich vermisste Omas weiche Wärme ganz schrecklich. An der Havel wurde ich eingeschult, doch Schule konnte selten stattfinden: Sirenengeheul durchdrang unsere Räume. Wir verbrachten die meiste Zeit im muffigen Keller. Der von Mutter gebackene Osterhase wurde von Glassplittern durchsiebt.
Ein Jahr später, gegen Ende des zweiten Weltkriegs, brachen meine Eltern mit mir auf. Der unbekannte Westen lag weniger schwer auf der Brust als der neue Osten. In einem lotterigen Lastwagen holperten wir als Gruppe nordwestwärts an die Elbe. Was ich als kleines Mädchen unterwegs in den Strassengräben sah, hörte und roch, ertrage ich nicht noch einmal wachzurufen.
Hoffnungsvoll am Elbdamm angekommen, gerieten wir zwischen die Amerikaner und die Russen – und strandeten wie Treibholz in Wittenberge. In dieser grauen Stadt, wo wir nie hinwollten, verbrachte ich meine gesamte Schulzeit. Freizeit gab es auch: eng strukturiert. Für meine Eltern kam nicht infrage, dass ich diesen Jugendprogrammen fernblieb. Wir machten da alle mit. Einmal kam Arthur mit einem Kaninchen nach Hause. Woher er es hatte, weiss ich nicht. Er ass es ganz allein. Mutter warf ihm die Knochen nach. Ich mochte ihn trotzdem. Wenn ich zurückblicke, trieb ich in diesen Jahren immerhin in sauberem Rückwasser.
Eines Tages nahm Arthur mich sachte zur Seite. Zum Abschied umarmte er mich. Stromschnelle in meinem Kopf. Meine Tränen mischten sich mit den seinen. Danach war ich erstmals mit Mutter allein.
Ich wäre gerne Kindergärtnerin geworden. Ich hatte keine Geschwister. Im Zusammensein mit Kindern fühlte ich mich lebendig. Mutter meinte jedoch, ich könne später eigene Kinder haben. Die Elbe riss meinen Traumberuf mit sich. Ich trat eine Lehrstelle bei der Deutschen Reichsbahn an. Meine berufliche Laufbahn schien vorgezeichnet. Nach einem Jahr musste ich die Lehrstelle jedoch ohne Verabschiedung verlassen. Mutter und ich reisten mit nur einem abgewetzten Koffer an den Rhein, um in Köln ein neues Leben anzufangen. An unseren Arbeitsplätzen und in unserem Umfeld gaben wir vor, dort Urlaub bei meiner Tante Elsa zu machen. Ich beweinte am Bahnhof zurückgelassene Freunde und Habseligkeiten, doch Mutter verbot mir die Tränen, weil uns das verraten könnte. «Wenn man in Urlaub fährt, weint man nicht.» Da waren sie wieder: diese Enge in meiner Brust, die Kopfschmerzen.
Nicht lange nach meinem Lehrabschluss als Apothekerhelferin in Köln schwamm ich gegen den Strom in die Ostschweiz. An der Thur wartete eine Anstellung, die ich in der deutschen Apothekerzeitung gefunden hatte. Ich war zweiundzwanzig. Ich wollte die Wasser der Kriegszeit abschütteln und meine Felle neu ausbreiten. Jetzt konnte mein Erwachsenenleben beginnen!
Durch den Kontakt mit neuen Menschen wurden meine Augen grösser, mein Denken weiter. Ich zeichnete mit den Fingern im Atlas Afrikas Flüsse nach. Dort wollte ich arbeiten. Ich ruderte durch die Formalitäten.
Die Buchungen musste ich stornieren: Mutter zog nach ihrer zweiten Scheidung zu mir in die Schweiz. Ich war seit knapp zwei Jahren hier. «Wohin hätte ich denn sonst gehen können?» hat sie später zu mir gesagt. Für mich war es selbstverständlich, Mutter bei mir aufzunehmen, wenn sie das so entschieden hatte. Meine Reisewünsche schliefen ein gefühltes Leben lang unter den Steinen.
Mitte der 1960er-Jahre, mit siebenundzwanzig, lernte ich einen Studenten aus dem fernen Osten kennen und lieben – und wurde schwanger. Als er nach dem Studium in seine Heimat zurückmusste, blieb ich, wo ich war. Was wäre aus Mutter geworden?
Als mein eigenes Kind noch ein Kleinkind war, musste ich meine Mutter zu Grabe tragen. Den fernen Osten hatte ich verpasst. Ich heiratete einen seriösen Schweizer, zog an die Eulach – und wurde nach kurzer Zeit gegen meinen Willen geschieden. Meine Umzugskosten standen gerade erst auf neuem Sand.
Mit einem späteren Partner bin ich westwärts gezogen. Der blaue See lag ruhig zwischen den Bergen. Die Kisten brauchte ich nicht mehr. Trotz Engagement in der Freiwilligen- und Frauenarbeit konnte ich als Deutsche mit einem deutlich jüngeren Schweizer Partner nicht richtig ankern. Das Wasser hatte nicht die Kraft, meine scharfen deutschen Kanten zu schleifen. Die sanften Wogen trugen meinen Wunsch nach einer medizinischen Weiterbildung unmerklich mit sich fort.
Als die Partnerschaft nach zwei Jahrzehnten ausfranste, war Deutschland vereint. Wie freuten wir uns, Marlies, Trudi und ich, endlich wieder zusammen zu sein! Beim Brandenburger Tor konnten wir der Berliner Mauer entlang streichen. An der Spree zogen mich die Orte meiner Kindheit an. Und plötzlich roch ich die Schweine, hörte die Hühner gackern und das Quietschen des Pumphebels am Brunnen – an Omas Hand.
Wenig später entdeckte ich das individuelle Reisen – Indien! Endlich navigierte ich selbst auf dem Fluss meines Lebens. In mehreren Wintern packte ich meinen Koffer. Die fremden Gerüche, der weite Sternenhimmel an grossen Flüssen, die stillen Zeremonien und die herzlichen Menschen. Die unzähligen wundervollen Tempel – kaum zu fassen, dass Männer für ihre Frauen solche Bauwerke erstellen liessen. Mein Männerbild war ein anderes. Ich sah schon die ausgestreckten Kinderhände und versehrten Menschen. Und doch kam meine Seele bei mir an.
Mein Lebensfluss ist träge geworden. In meinem Herzen fühle ich noch die Quellen früherer Zeiten. Ich freue mich, dass ich noch jeden Tag aufstehen mag.