Opa Max schleift jetzt elektrisch
Die Geschichte meines Blogs
Mit siebzehn durfte ich im Klassenzimmer nicht an die IBM-Kugelkopfschreibmaschine. Das war jenen beiden Kolleginnen vorbehalten, die auf der Hermes-Typenhebelschreibmaschine mehr Anschläge pro Minute schafften als ich. Mit siebenunddreissig hatte ich die Schreibautomaten längst hinter mir; der Mac und ich hatten etwa die gleiche Rundung am Rücken. Unverändert verfluche ich meine Faszination für die stundenfressenden Zeitsparer, heute am MacBook. Und noch immer: Ich muss das selbst können. – Aber das ist eine andere Geschichte.
In der Sommerhitze dieses Jahres zerbröselte mein Plan, eine kleine Broschüre mit eigenen Geschichten zusammenzustellen. Mut im Anflug: Ein Blog soll es werden! Wird schon irgendwie gehen, dachte ich, werde mich reinknien müssen.
Webseiten aufbauen, das kenne ich schon, oder eher: hatte ich schon, früher. Domain reservieren. Hosting suchen, finden, abonnieren. Los geht’s. Textfelder, Bildrahmen, Menüpunkte definieren, gestalten, verwerfen ...
In nervenzehrenden Stunden habe ich am flachen Orenberg geschwitzt und über den Südhang ins Domleschg runter geflucht. Abenddämmerung ging. Morgengrauen kam. Gopfriedstutz, das kann doch nicht sein, dass ich das nicht kann! Zweifel kamen und gingen mit Chips. Aufgeben war keine Option. Keinesfalls. Professionelle Hilfe einkaufen auch nicht. Das hätte ja auch bis mindestens übernächste Woche gedauert. Kein Thema für mich.
Dann kam Hilfe von einer Tochter. Schon fast nicht mehr erhofft. Ist ja immer dasselbe mit diesem Nachwuchs: keine Zeit. – Hatte ich ja auch nicht, damals. Aber das ist die andere andere Geschichte. – Nach dem Guetnachtgschichtli, nach den Gesprächen über das Leben, zwischen eingeräumter Legokiste und schlafendem Pelz-Pinguin, kommt sie fluffig daher: «So, jetzt machen wir noch deinen Blog.» – Was, jetzt? Sofort? Ich möchte mich nach diesem Enkelinnentag gerne einfach schlafen legen. Aber so eine Chance darf ich mir nicht entgehen lassen.
In der langen Rest-Nacht haben wir das bereits vorhandene Projekt für interessant, aber zu aufwändig befunden, uns mit einem neuen Hosting und mit KI getroffen. Prompt, click, post. Steht. Neuer Prompt, anders, click, noch nicht posten. Gefällt nicht, delete. Zusätzliche Idee, Prompt, click, post. Sekundenschnell. Ein echter künstlicher Dialog. Ist mir zu grell, bitte diskreter. Ist mir jetzt zu diskret, bitte sandfarbiger. Es reichte noch für einen kurzen Schlaf, bevor morgens die Pyjama-Party stieg und mein Hirn sofort einen Luftsprung machte: Der Blog steht!
Er zeigt meine Handschrift. Aber habe ICH das gemacht? Das war doch KI. Es sind meine Ideen, meine Gedanken, meine Gefühle. Ob ich diese Entwicklung gut finde?
Ich stelle mir vor, wie Opa Max vor hundert Jahren an der Drehbank schwitzte und fluchte. Eines Tages stellte ihm sein Patron einen Elektromotor hin. Ob er diese Entwicklung gut fand?