Jadestein und Lippenstift
Als jemand in meine Welt eindrang
Mai 2019. Kurz nach Mitternacht bringt mich der letzte Lokalzug zurück ins Dorf. Hinter mir liegt eine Ferienwoche im Balkan. Müde hieve ich den Rollkoffer die Aussentreppe hinauf, den Haustürschlüssel bereits in der Hand.
Die Tür ist einen Spalt breit offen.
Auf der Konsole liegen alle Schlüssel sortiert: Keller, Briefkasten, Garage, Nachbarn. Auf der Treppe Glasscherben, Sand und die Kerze aus der zerbrochenen Vase. – Jemand war hier.
Mein Herz schlägt einen Salto. «Hallo? Ist hier jemand?» Ich gehe weiter.
Im Bad liegt der Schmuck aus Filz und Gummi sortiert neben dem offenen Spiegelschrank. Der aus Gold und Silber fehlt. Ebenso zwei Lippenstifte von Dior. Jene vom Grossverteiler stehen noch da.
Ich gehe weiter. Auf dem Boden liegt meine schwarze Schatulle. Die rote Samtauskleidung freigelegt. Ein silbernes Medaillon mit dem Motiv von drei schwörenden Eidgenossen liegt da wie ein verlassener Krieger. Das Metallbesteck des antiken Mikroskops meines Vaters – aus der hintersten Ecke des Estrichs – liegt ausgebreitet vor mir.
Bisher führte eine Tür für mich vom Büro auf den Balkon. Jetzt führt sie vom Balkon in mein Büro. Ein mittelfingerdickes Bohrloch. Im hölzernen Türrahmen.
Der Polizist richtet schweigend seinen Laptop auf meinem Esstisch ein. Ich schweige daneben. Später trifft der Mann von der Spurensicherung ein, er sei seit fünf Uhr morgens im Dienst. «Das tut mir leid», sage ich. «Ich habe die Einbrecher nicht bestellt», würde ich gerne sagen.
Zwei Stunden später. Ich schlafe sofort ein.
Die Gedanken reissen mich aus dem Schlaf: Der abgelegte Ehering aus einer guten Zeit. Grossmutters Sonntagsuhr. Die Brosche von Tante Marlies. Der Ring mit Jadestein. Von Peter. Ich war 17.
Meine Hände saugen Böden und waschen Geländer. Obwohl nichts schmutzig ist. Ich räume ordentlich aufgeräumte Schränke aus und wieder ein.
Mein Kopf geht die Kontakte durch. Die Gruppe in Albanien. Die früheren Airbnb-Gäste in meinem Zuhause. Die Handwerker an den neuen Metallfenstern im Erdgeschoss. Die Dossiers der Klienten, eingeschlossen am Arbeitsplatz.
Ich kämpfe gegen das, was ich denke.
Ich blieb im Haus. Ich schlief dort. Ich hatte keine Angst. Und trotzdem war etwas in mir zersplittert. Wie die Glasvase.
Das war kein Angriff auf meine Arbeit. Es war ein Angriff auf meine ganz persönliche kleine Welt. Wer wollte mir schaden? Oder war mein Haus doch nur ein Zufallsobjekt?
Es seien in der Zeit keine anderen Einbruchdiebstähle gemeldet worden, sagte der Polizist. Banden würden in Serien arbeiten, fügte er an. Und ich solle mir keine Hoffnung machen. Profis hätten Schmelzapparate im Auto.
Wie sieht eine Schmelzmasse von goldenem Ehering, schwarzem Karbonohrstecker und Ring mit Rubin aus? Und wie riecht sie? Ich schmecke meine Tränen.
Meine Familie und Freunde reagierten gelassen: «Es war ja nur Materielles.»
Ich nicke.
Wer war es?