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August 2026

Das Quartier am Bach

Eine Nachbarschaft im Ausnahmezustand


Im Oktober zog DIE NEUE ins ältere Haus am Bach. Eine hagere Statur, mit festen Schritten, kurzen Hosen und einem preisgekrönten rassenreinen Riesenkaninchen namens Chüngel. Das Quartier roch nach Herbstsonne und verwesendem Laub.

DIE NEUE mochte, so hörte man, das Landleben. Vor allem dort, wo sie ihre eigenen Regeln machen konnte. Schon bei der Hausübergabe kickte sie mit dem rechten Fuss im orangen Sportschuh fauchend gegen eine grüne Komposttonne. Im Keller lehnte ein Stewi-Wäscheständer gelangweilt an der Betonwand. Aus diesen zwei Kleinteilen wurde eine Grundsatzfrage. Der Verkaufspreis sei verbindlich vereinbart worden, sagte die Verkäuferin. Die Entsorgung sei selbstverständlich, sagte DIE NEUE. Später hiess es, am früheren Wohnort habe es schon Nachbarn und Streit gegeben. Mehr wusste niemand. Aber für das Quartier genügte das.

Ende Oktober knirschte der Nachbar links im Sportdress mit den Zähnen. Auf dem überschaubaren Sitzplatz DER NEUEN stand plötzlich ein hölzerner Anbau, frisch gesägt, schräg zusammengenagelt, harzig riechend. Die Überdachung brauche eine Bewilligung, sagte er. Sein Einverständnis brauche es auch. Am runden Nussbaumtisch des Gemeindepräsidenten prallten Wörter wie Gesetzeswidrigkeit, Schlampe und Tubel auf der dunkelroten ledernen Tischeinlage ab. Geklärt wurde nichts.

Im November wurde Chüngel aus einer engen Behausung entlassen und nahm sein Revier in Besitz. Nachts klopften seine Hinterläufe die Nachbarschaft wach. Tagsüber hoppelte das Tier lautlos, aber mit der Autorität eines Preisgekrönten, über den Sitzplatz. Die zierliche flauschige Katze des Nachbarn links, sonst auf sicherem Weg zum verlockend riechenden Sheba der Nachbarin rechts, erstarrte, machte kehrt und rettete sich mit gesträubtem Fell unter die Ligusterhecke. Die Nachbarin rechts schimpfte über die Hecke, der Nachbar links schwieg besorgt um die Psyche seiner Katze, und jenseits der immergrünen Zweige stieg der Lärmpegel parallel zur Ankündigung der stillen Zeit.

Die Weihnachtstage wurden individuell und hörbar ruhig verbracht. Doch noch vor dem neuen Jahr streckten die Quartierbewohner ihre Köpfe aus dem kurzen Winterschlaf.

Zwischen den Feiertagen sprang Elvis, der ordentlich registrierte und bisher unauffällige Jagdhund der Nachbarn gegenüber, erstmals in einem Affenzahn über das metallene Gehege, über die Strasse, die Böschung hinauf. Man hörte kurzes Scheppern, aufgeregtes Bellen, dann dieses dumpfe Brechen von Knochen. Auf der winterharten Wiese blieb von Chüngel eine rote Restmasse zurück, deren Geruch selbst der Frost nicht zudeckte. Elvis lernte nicht zu unterscheiden zwischen seiner Arbeit im Unterholz und seiner Freizeit in den Quartierhecken. Sein Radius wurde drastisch eingeschränkt.

DIE NEUE stellte Rechnung: für Beseitigung, Anblick, Gestank und den Verlust eines Kaninchens, das, wie sie nun die Katze aus dem Sack liess, gegen Entschädigung in Pension gewesen war. Der Züchter machte sie haftbar. Es ging also, wie so oft, um Geld.

Anfang Januar kehrten die Nachbarn weiter rechts gebräunt aus den Ferien zurück und wurden bei regionalem Rotwein und trockenen Zimtsternen umfassend informiert. Die Katze sei verändert, Elvis verdächtig, die Komposttonne der Anfang von allem gewesen. Gegen Mitternacht schmeckte der Wein metallisch und das Quartier drohte zu verkommen.

Am nächsten Tag sass das Paar weiter rechts am frisch verschneiten Gehege. Unter der Erde schliefen die Schildkröten, über der Erde sortierten zwei Menschen gedanklich die Aktenlage. Sie notierten Grenzfragen, Tierhalterpflichten, Entschädigungsansprüche, Nachbarschaftspsychologie und die feinen Unterschiede zwischen Recht und Gerechtigkeit. Der neu gefallene Schnee dämpfte jedes Geräusch.

Sie machten eine Pause für die Tagesschau. Vielleicht, dachten sie, liessen sich Erfahrungen aus der Ukraine oder aus Syrien für die Milderung der bedrohlichen Zustände im Quartier nutzen. Manchmal fange alles im Kleinen an. Sie schrieben diesen Satz sehr sorgfältig auf, als wäre er bereits ein Beitrag zum Frieden.

Nachklang

Im Frühling sonnte sich DIE NEUE auf dem offenen Sitzplatz ohne Anbau und ohne Kaninchen. Dem Nachbarn links strich die flauschige Katze wieder um die Beine, vorsichtig, aber sichtbar. Die Nachbarin rechts kaufte kein Sheba mehr. Der Jäger gegenüber ging mit seiner Frau spazieren, ohne Hund. Weiter rechts wurden die Schildkröten aus dem Winterschlaf geweckt, langsam, vorsichtig, unbeteiligt. Das Quartier blieb wachsam.

© 2026 ElisaRi

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