Das Domestizieren meiner Energie
Von einer Freiheit, die erst einmal verdaut werden wollte
Früher hatte ich eine Arbeitgeberin. Nach der Pensionierung stromerte ich orientierungslos durch die Freiheit.
«Was wird ElisaRi, bald 61-jährig, nach der Pensionierung tun? Bestimmt nicht an Ort treten.» – Schreibt Marlies Strech in ihrem Artikel im Bildungsbereich des Tagesanzeigers 2019 unter dem Titel «Die unbändige Lust nach Wissen und Verstehen.»
Ich wusste genau, wie Übergänge im Leben gelingen sollten: langsam aussteigen, Pläne haben, Vorsorge geregelt wissen, nicht alles gleichzeitig verändern.
Ein Jahr vor der Pensionierung tat ich es dann trotzdem: Ich räumte das Familienhaus aus und drei Lebensjahrzehnte auf, verschenkte, entsorgte, verbrannte und weinte bittere Loslass-Tränen. Richtig-so-Tränen. Ich verstaute, was ich im nächsten – dem letzten? – Lebensabschnitt noch nutzen wollte, in einer Garage, zog in ein 15 m2-Zimmer mit Mitbenützung von Bad, Küche und Garten. Mit der blauen Vespa oder dem grünen Velo fuhr ich noch einen Sommer und einen Herbst zur Arbeit, mit dem gelben Auto einen Winter. In der Freizeit plante ich akribisch die Details meines künftigen Heims. Ich wollte wissen, warum das Fallrohr dort verlief, wie die Deckenspots verkabelt waren und wer festlegte, wie ein Parkett zu verlegen war. Bei der dritten Nachfrage verdrehte der Elektriker die Augen.
Frühling mit 64
Das Tor des Zwingers steht offen. Ich trete hinaus und in eine Mönchsklause ein. Die erste Woche nach der Pensionierung: In Barfussschuhen durch blassrosa Obstanlagen, unter zartgrünen Tannenschösslingen durch, dem weiten See entgegen, jeder Atemzug tiefer. Doch Kontemplation wollte sich selbst in der klösterlichen Umgebung nicht einstellen. Die Löwin tigerte ziellos durch die dürre Steppe. Und so blieb es. Lange. Hier ein Happen, dort ein Gestrüpp, ein Wasserloch. Eine Begegnung mit Artgenossen. Unterwegs ohne Ziel, hungrig heimkehren unter den Schatten spendenden Baum.
Herbst mit 65
Ich initiiere einen Treppenhaus-Kaffee für das neue Mehrfamilienhaus und einen monatlichen Koch- und Essabend für Singlefrauen. Zwischen Salat und Dessert rufen wir die Stromrechnungen auf und breiten die Abstimmungsunterlagen aus, das Handy zwischen die Finger geklemmt. «Schaut, was diese App kann.» Zu dritt sind wir stärker. – Die Löwin tigert weiter.
Spätherbst mit 66
Alle Versuche, die fette Freiheitsbeute in gut verdauliche Happen zu zerlegen, scheitern. Der Check: Bekommen die Lebensbereiche, die mir wichtig sind, genug Nahrung? Das Ergebnis: knapp befriedigend. Zurück an den Start. Als digital affine Jungrentnerin greife ich auf Erfahrung zurück: eine grüne handliche Papieragenda! Mit Bleistift, Gummi und einem Stabilo Boss. Drei gelbe Balken jede Woche. Darauf schreibe ich: NICHTS. Termine bündeln – über lange Jahre eingeübt.
Winter mit 66
Das Leuchtgelb schafft Raum für spontane Begegnungen, Lesen, Schreiben, genussvolles Äsen.
Frühfrühling mit 66
Was für eine samtene Nacht! Ich stehe barfuss auf dem Holzboden meines Balkons, ein Glas Federweisser in der Hand, den Blick zur Milchstrasse, die Nase im lauen Wind. Und plötzlich schleicht sich meine eigene Energie wie eine scheue Katze an meinen Beinen hoch. Ich lächle ihr zu.
Frühling mit 66
Die Grünpflanzen gedeihen. Leuchtgelb strahlt vom Tisch. Dann fliegt mir ein Auftrag für eine Biografiearbeit zu. Eintauchen. Hinhören. Entziffern. Recherchieren. Gestalten, verwerfen, neu gestalten. Die Nächte sind lang, der Schlaf kurz, die Ausdauer schier endlos.
Vorsommer mit 66
Ich stürze mich in eine Weiterbildung in biografischem Schreiben. Ausserdem bewege ich mich meist geschmeidig, zuweilen stolpernd, durch die Vier-Generationen-Familie, treffe mich mit Freundinnen und optimiere KI-Prompts. Im Chor singe ich Pop und im Ensemble spiele ich Flöte. Ich schwitze weiter unter der fremden Biografie, frage zum dritten Mal nach der Jahreszahl der zweiten Flucht, öffne nebenbei den Chat mit der KI und kritzle eine treffendere Formulierung auf Makulatur. Die Post-its mit «Maras Buch kaufen», «Workaway planen», «Stäzerhorn erwandern» sind sortiert. Die Handy-Erinnerung meldet: «Zahnarzt abmachen». Morgen ist NICHTS. Die Löwin findet ihr Territorium. – 67 kann kommen.