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August 2026

Bärenstarke Wildnistränen

Vier Tage auf dem Fluss


Auch in der zweiten Nacht lauschen wir mit flachem Atem dem Fluss. Der Regen klatscht auf unser enges Zelt, der Pegel steigt. Unser matschiger Proviant hängt hoch am Baum – dem Bären gegen Morgen trotzdem direkt vors Maul. Paddeln wir diesen Traum wirklich zu Ende?

Vier Tage auf dem Chena River. Nur wir beide, der Sportler – Kurzstreckenläufer! – und ich. Die Wildnis sollte uns die Füsse kitzeln, die Abendsonne die Wangen streicheln und Fichtenharz sollte in der Luft liegen. Wir rechneten in Etappen, mit Pausen und Essen und Nächten in dieser Gegend, wo Elche ruhig durch die Wälder streifen und ab und an freundlich einen Bären kreuzen. So hätte sie werden sollen, diese letzte Reiseetappe.

Wir hatten schon ein paar Alaska-Wochen hinter uns. Die langen Fahrten im Overlander über die nordischen Holperpisten haben unsere kleinen Lebenskaros durchgeschüttelt. – Wollte ich in diesem zehrenden sozialen Beruf bleiben? Habe ich das mit den Kindern so hingekriegt, wie ich mir das gewünscht hätte? – Mitgereist war auch der Bandscheibenvorfall des Sportlers. Gut verstaut im Rücken, verlangte er dennoch ununterbrochene Aufmerksamkeit. Er führte uns in das kahle Wartezimmer einer medizinischen Notversorgung in einer Kleinstadt. Dort sassen Menschen, die dort nicht hätten lange sitzen sollen – nicht nur, weil ihre offenen Wunden meine Innereien strapazierten. Wer kein Depot hinterlegen konnte, sass länger. Wer keinen Pass des Landes hatte und auch kein Depot hinterlegen konnte, durfte sich gar nicht erst setzen. Eine Elefantendosis irgendeiner grellfarbenen Flüssigkeit ermöglichte unsere Weiterreise.

Was wir nicht alles verpasst hätten sonst: Im Morgengrauen den jungen Füchsen am Polarkreis beim Spiel zusehen. Die riesige Bar – das Angebot hätte jeden Touristen auf den Kanaren neidisch gemacht – in diesem kaum bewohnten Ort mit einem Plumpsklo mitten auf dem Dorfplatz. Oder die dauerhaft geschlossene Tankstelle im Niemandsland – die Treibstoffreserve war in meiner Verantwortung; es gab kein Erdloch, wo ich mich hätte verkriechen können. Später verspiesen wir genüsslich Schwarzbär-Burger am Familientisch. Kurzum: wir waren ein eingespieltes Team und bereit für das letzte kleine Abenteuer dieser Reise.

Der Fluss übernimmt das Kommando

Die Vermietung empfängt uns mit einem hellblauen Beerendrink. Kanu, Paddel, neonfarbene Packsäcke liegen bereit. Shirts, Spargelrisotto und Sandwiches sind verstaut, die Wasserkarte wasserdicht an der Brust. Doch kaum setzen wir das Kanu auf, findet der Regen schon den Weg durch unsere Socken. Mit kurzem Stirnrunzeln tauchen wir die Paddel ins Wasser. Ein letzter Blick zurück, dann trägt uns die Strömung hinaus in die Wildnis.

Schon drückt das Wasser gegen den Bug, schiebt uns seitwärts. Unsere Hände halten dagegen – jetzt noch. Beidseits des Flusses stehen müde Baumriesen, flach verwurzelt im aufgeweichten Boden. Mit lautem Krachen kippen sie ins Wasser. Manche treiben vor uns her, andere kreuzen unsere Spur und zwingen uns zum Ausweichen. Astgabeln greifen nach den Paddeln.

Nach einem kurzen Anlegen brauchen unsere klammen Finger die Hilfe von Kinn und Zähnen und allem, was sich noch bewegen lässt, um die Schnallen der Schwimmwesten zu schliessen.

Jeden Abend riechen wir schon beinahe den Risotto über dem Feuer. Er bleibt dennoch im Packsack. Wir sollten essen und trinken, wissen wir. Und tun es nicht. Der Druck im Kopf hat einen Grund.

Nachts steigen trübes Wasser und das Bangen um Kanu und Brot. Die Bären riechen die letzten nassen Sandwiches. Der Wein bleibt verkorkt, die Zahnpasta ohne Himbeergeschmack von Menschen und Tieren unberührt.

Die Zuversicht ist nicht wasserfest

Jeden Morgen geben wir uns und dem Kanu erneut einen schlaffen Ruck. Die Finger am Paddel sind schon wieder taub. Mit jedem Schlag bleibt es einen Moment länger in meinem Schoss. Was wir nicht aussprechen, hängt wie Sturmwolken über uns: Allein schafft es keiner von uns. Das hier ist Langstrecke.

In einem letzten Anflug von Situationskomik lesen wir schon die Schlagzeile der heimischen Boulevardzeitung: «Leichtfertiges Touristenpaar ertrinkt auf Kanutour in Alaska.» Tränen laufen über mein Gesicht. Welches Nass kommt von innen, welches von aussen? Die Tränen des Sportlers sehe ich nicht. Sein Rücken vor mir wird runder. Sein Kopf zieht schwer nach unten.

Umkehren ist nicht möglich. Verbindung zur Aussenwelt auch nicht.

Wir verstummen. Lange Stunden.

Die Zuversicht trocknet sich in eine neue Form

Als der Bug den Kies berührt, reisst der Regen ab. Mit letzter Kraft zerren wir das Kanu an Land. Wir stehen mit grossen Augen, schlappen Armen und knurrendem Magen am Ziel bei der Brücke. Und wundern uns, wie wir die letzten Meilen geschafft haben.

Die schwarze Dorfstrasse glänzt. Der Duft von Harz, Moos und feuchter Erde liegt in der Luft. Erste Menschen treten mit vorgeschobenem Kinn ins Freie. Wenig später hocken wir schweigend neben unseren dampfenden Kleidern am Holzofen.

Die Wildnis sollte uns die Füsse kitzeln, die Abendsonne die Wangen streicheln, Fichtenharz die Luft erfüllen. Ausgeträumt.

Geblieben ist mehr. Irgendwann paddelten nicht mehr wir den Fluss, sondern der Fluss uns. Und keiner von uns sagte: «Hättest du doch Handschuhe eingepackt.»

An diesem Juli-Abend beschliessen wir zu heiraten.

© 2026 ElisaRi

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