Anständig zum letzten Tango
1973. Grosses Kino.
Küche im Elternhaus. «Darf ich am kommenden Samstag in die Stadt ins Kino, mit den Pfadikollegen?» Ich frage so beiläufig wie möglich. Wir gingen sonst nie ins Kino. Das Taschengeld war eng, die Stadt breit und die Anfahrt lang.
«Was wollt ihr denn anschauen?» – «Der letzte Tango in Paris.» – Mutter weitet die Augen und schaut zu ihrem Mann. Vater verzieht keine Miene. Vor mir tauchen seine Gedanken von damals auf: Sie ist 14. Sie hat gefragt. Sie ist zu jung. Sie ist unsere Älteste. Sie muss ihre Erfahrungen machen. Die Kollegen sind Pfadfinder.
Sex, Skandal, Zensur – der Tango machte Schlagzeilen und die Leute standen vor den Kinos Schlange. Wussten meine Eltern davon?
Mutter sieht rot: «Im Ernst, du wirst doch nicht...»
Vater legt ihr die Hand auf die Schulter und richtet seinen Blick auf mich. Ein Wechsel von Orange auf Grün.
«JA. Ja, aber....»
Die Worte um den Küchentisch nehmen Fahrt auf. Nachmittags- statt Abendvorstellung. Was die Abers beinhalteten, weiss ich nicht mehr so genau. Doch vorstellen kann ich sie mir. Zusammengefasst sollte ich mich «anständig aufführen». Den Inhalt dieser soliden Kiste kannte ich: Mit dem blauen Zug, «dem Bähnli», nicht im Auto mitfahren. Nicht rauchen (Zigaretten), nicht trinken (Süssgetränke und Alkohol), nach dem Film direkt zurück, mich nicht mit fremden Männern unterhalten. Am Morgen rechtzeitig am sorgfältig gedeckten Tisch zu Butterzopf mit Honig und Ovomaltine erscheinen. – Die Kleidung war kein Thema, es war kühl. Ohnehin gab es in meinem übersichtlichen Kleiderfach nichts, was einem anständigen Auftritt widersprochen hätte.
Was Paul und Jeanne in diesem Spätsommer 1973 auf der Kinoleinwand trieben? – Das werde ich mir dieses Jahr an einem kalten Winterabend anschauen. Hat der Inhalt mich überhaupt interessiert? Ich fand es superaffengeil, dass die älteren Kollegen vom Leitungsteam mich beim Kino-Projekt nicht ausschlossen.
Wie der Tango zurückkam
Mein Schreibkurs führt mich ins Alter von 16 zurück. Ich streune durch das SRF-Radioarchiv, Hitparade 1975. Neil Diamond singt seine Longfellow Serenade – ich lehne mich zurück, lege den Stift nieder.
Udo Jürgens trinkt griechischen Wein – na ja. ABBA rufen SOS und Billy Swan kann helfen – passt doch. Dann tanzt der Filmtitel von der Seite in mein Gedächtnis: dieser Tango in Paris.
Vierzehn!
Meine Tagebücher habe ich bei der Aktion «Ich-räume-mein-Leben-auf» entsorgt. Ausgerechnet. Dafür hilft mir nun ChatGPT auf die Sprünge:
Der letzte Tango in Paris lief in St. Gallen bereits im Sommer 1973. Da war ich 14. Vierzehn! Wie war denn die Altersfreigabe in der Schweiz, in St. Gallen? Eine verbindliche Altersangabe des Kinos hätte ich garantiert nicht umgangen. Gab es so etwas wie eine unverbindliche Altersempfehlung? Könnte sein. Und: Kann ja nichts passieren, in Begleitung der Kollegen.
Oder lief der Film später nochmals?
Die Kollegen enttäuschten meine Eltern nicht, ich sie auch nicht. – Wir alle wussten: Am Montag hocken wir in unterschiedlichen Klassen in unseren Schulbänken, früher oder später Auge in Auge mit dem Vater-Lehrer. Biologe.
Während George Baker Selection auf SRF-Archiv die weisse Taube in die Freiheit entlässt, sucht ChatGPT weiter nach der damaligen Altersfreigabe und ich schlendere durch meine Jugend.